1/6 Trau Dich! – Über den Mut, aufgeschobene Wünsche zu verwirklichen

Ein Lichtkegel durchschnitt die Dunkelheit und fiel auf glatten Felsen. Das Gestein gehörte zu einer der beeindruckendsten Klippen der Erde. El Capitan ragte im Yosemite Nationalpark gut 900 Meter empor. Doch von seinen Ausmaßen war in diesem Moment nichts zu erkennen. Alex Honnold stand am Fuße der Wand, legte seine Hand an den Stein und hob den Fuß auf den ersten Tritt. 

Jedes Jahr besteigen hunderte Menschen El Capitan. Erfahrenen Kletterern bieten sich anspruchsvolle, mehrtägige Routen, umgeben von spektakulärer Natur. Was Alex Honnold versuchte, hatte vor ihm allerdings noch niemand gewagt: Er wollte den Felsen in einem Tag bezwingen, ohne Gepäck, Seil oder Sicherung. An seinem Gürtel baumelte lediglich ein kleiner Beutel mit Magnesia-Pulver, damit seine Hände trotz Schweiß Halt am glatten Granit fanden. Mehr brauchte er nicht. Zumindest dachte er das. Obwohl seine Stirnlampe nicht mehr, als die nächsten Griffe und Tritte beleuchtete, kletterte er sicher und zielstrebig. Fünfzig Aufstiege hatte er mit Sicherung bereits bewältigt und einzelne Abschnitte unzählige Male trainiert. Alex Honnold kannte jede Bewegung. Doch ohne Seil brauchte es nur eine, die daneben ging und er würde stürzen. 

Wenige Wochen zuvor war genau das geschehen. Er hatte seinen Halt verloren und sich den Knöchel verstaucht. Anfangs hatte ihn die Schwellung am Klettern gehindert, doch inzwischen passte sein Fuß wieder in den engen Schuh und auf dem Kamerabild des Filmteams, das seinen Aufstieg begleitete, ließen sich keinerlei Bewegungseinschränkungen erkennen. Plötzlich hielt er inne. Gut 140 Meter über dem Boden stand der Felsen leicht schräg. Alex lehnte sich an den Stein, der einzige Weg Halt zu finden. Das Granit war spiegelglatt und frei von Griffen, an denen er sich hätte festhalten können. Der nächste Schritt erforderte, seinen verletzten Fuß auf einen Vorsprung zu stellen – etwa so groß wie ein Bleistift breit – und sein gesamtes Gewicht auf ihn zu verlagern, um den anderen lösen zu können. Er atmete schwer. Abzurutschen würde den sicheren Tod bedeuten…

Neues zu wagen, kann beängstigend sein. Die wenigsten Vorhaben sind so waghalsig, wie das von Alex Honnold. Dennoch bereiten Ausblicke auf Risiken und Ungewissheiten leicht mulmige Gefühle. Zu Recht: Du weißt nicht, ob Deine Kompetenzen genügen, ob sich Unwägbarkeiten zu Deinen Gunsten entwickeln, ob es gelingt, neuen Anforderungen gerecht zu werden oder ob Du glücklichere Lebensumstände erschaffst. Genauso könntest Du versagen, alles schlechter machen und Dich damit vernichtenden Urteilen Anderer aussetzen (zusätzlich zu Deinen eigenen). 

Angst vor unangenehmen Konsequenzen, weckt unangenehme Gefühle und hemmt Wünsche zu verwirklichen. Jeder bedrückende Gedanke, jede Unsicherheit schiebt ein Stück Felsen zwischen Dich und Deine Wünsche. Eine Klippe an Aufgaben hinaufzuschauen, kann Versagensängste erzeugen. Solltest Du versuchen solche Hindernisse zu besteigen, würdest Du wahrscheinlich nicht in den Tod stürzen. Allerdings Du könntest Deinen Ruf beschädigen, abgewertet und verspottet werden, Dich vor Dir selbst und anderen schämen sowie zukünftige Chancen vernichten.

Erscheinen solche Gefahren zu groß, ist es nachvollziehbar, Dich umzudrehen und in sichere Vertrautheit zurückzukehren oder zumindest vorerst innezuhalten und abzuwägen, bevor Du Dich Herausforderungen stellst. Klug und besonnen zu handeln klingt attraktiver, als riskanten Ideen nachzujagen. Problematisch wird es allerdings, wenn sich Besonnenheit in Aufschieben verwandelt. Verleugnest Du Deine Wünsche aus Angst zu versagen, gibst Du immer wieder auf, bevor Du begonnen hast, wirst Du mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann voller Reue zurückblicken. Chancen zu erschaffen, vor Dir liegende Felsen zu erklimmen, ist langfristig zufriedenstellender.

Spürst Du Unsicherheit, erwacht der Wunsch nach Sicherheit. Um Sicherheit zu schaffen, hilft es Risiken zu beleuchten. Stell Dir vor, Du lebtest in vier Welten: in der Welt der physischen Dinge, der staatlichen Regeln, in der Welt des sozialen Zusammenlebens sowie in der Welt in Deinem Kopf. Jede dieser Welten folgt eigenen Gesetzen. In der ersten herrscht die Physik, in der zweiten der Staat, in der dritten soziale Regeln und in der vierten Gefühle und Gedanken. Jede Welt birgt eigene Gefahren. In Welt Nummer eins lauert im unglücklichsten Fall der Tod. In Welt Nummer zwei winkt das Gefängnis. Nummer drei stellt soziale Ausgrenzung in Aussicht und in der vierten kannst Du in Selbstverachtung versinken.

Diese vier Welten zu unterscheiden, hilft Risiken abzuschätzen. Eine Querschnittslähmung oder lebenslange Haftstrafe bedeutet permanente Einschränkungen. Sollten Dich dagegen Menschen ablehnen, gibt es wahrscheinlich andere, die Dich lieben. Und auch, wenn Du Dich in manchen Momenten vielleicht selbst nicht magst, liegt es in Deiner Macht, das zu ändern. 

Rational wird Dir das alles vollkommen bewusst sein. Dennoch kann es sich anders anfühlen. Von einem geliebten Menschen verlassen zu werden schmerzt, als sei das Leben vorbei. Ein öffentlicher Auftritt kann das Herz schlagen lassen, als würdest Du in den Ring steigen, um bis aufs Blut zu kämpfen. Kleine Entscheidungen vermögen sich aufzublähen, bis sie wie die größten Dinge der Welt erscheinen.

Es ist leicht, sich von solchen Empfindungen übermannen zu lassen. Risiken können sich größer anfühlen, als sie sind und Verhalten hemmen. In Gedanken verwandeln sich begehbare Aufstiege in spiegelglatte Klippen ohne jeglichen Halt – und der Aufstieg damit in ein lebensbedrohliches Unterfangen. 

In den nächsten Teilen beleuchten wir, wie scheinbare Risiken wirken, wie Ängste Perspektiven aufzeigen, wie Zeitreisen zu schlechten Kompromissen führen und wie aus begründeter Angst unnötige Furcht vor dem Fürchten entsteht – alles, um die entscheidende Frage zu beantworten: Sind Deine Wünsche wichtig genug, um sie dennoch zu verfolgen?