So funktioniert Selbstfürsorge

Wäscht du dich? Putzt du täglich deine Zähne? Und wie sieht es mit emotionaler Hygiene aus?

In der Bronzezeit kauten Menschen auf Stöcken, bis sie faserig wurden und reinigten damit ihre Zähne. Im Jahre 1500 wurden Pinsel verwendet. 1700 entstand die erste Zahnbürste in heutiger Form aus Knochen und Pferdehaar. 1938 begann die Massenproduktion von Bürsten aus Nylon. 

Unsere Zähne haben sich in all der Zeit nicht grundlegend verändert, die Techniken, sie zu pflegen, allerdings schon. Aus gutem Grund: Damals war das Lebensende mit rund 30 Jahren erreicht. Heute leben wir beinahe dreimal so lang und wollen unsere Zähne so gut es geht erhalten. 

Aristoteles schrieb sein Buch Über die Seele ca. 350 vor Christus. Avicenna erforschte im Jahre 1000 psychische Erkrankungen und kognitive Prozesse. 1600 wurde das Wort Psychologia erstmals dokumentiert. 

Psychologie gilt erst seit dem 19. Jahrhundert als eigenständige Wissenschaft. Das Wissen über die Psyche reicht allerdings über 2000 Jahre zurück. Unsere Gehirne haben sich in dieser Zeit nicht bedeutend weiterentwickelt. Allerdings stehen sie veränderten Lebenswelten gegenüber: Früher ging es um Nahrung und Überleben. Heute werden wir überflutet mit Informationen, ständiger Erreichbarkeit, mit der Hektik und den Erwartungen der modernen Welt. 

Heute lernt jedes Kind, wie man eine Zahnbürste benutzt, sich duscht und die Haare kämmt. Körperhygiene ist selbstverständlich, Psychohygiene dagegen deutlich weniger. 

Schneidest du dir in den Finger, weißt du, was zu tun ist: säubern, wenn nötig desinfizieren und ein Pflaster drauf. Dein Arzt würde das Gleiche tun. Bei emotionalen Verletzungen ist weniger klar, was das Richtige ist. Viele Menschen verdrängen, beschönigen, lenken sich ab. Sie trösten sich mit Konsum, Essen, Alkohol oder flüchten sich in Wut – nicht gerade das, was Experten empfehlen. 

Der Psychologe Guy Winch sieht emotionale Verletzungen als alltäglich: Wir scheitern in unseren Vorhaben, werden zurückgewiesen, fühlen uns schuldig, betrauern Verluste und spielen unangenehme Erlebnisse immer wieder in Gedanken ab. Die meisten solcher Verletzungen sind klein. Doch genauso, wie eine kleine Schnittwunde sich entzünden und gefährlich werden kann, verhalten sich auch emotionale Wunden. Ohne angemessene Versorgung, verschlechtern sie unseren Zustand. 

Dr. Charisse Nixon verteilte Arbeitsblätter an Studierende der Penn State University. Auf jedem waren drei Worte abgebildet. Die Aufgabe bestand darin, Anagramme zu bilden (die Buchstaben des ersten Wortes umzusortieren, so dass sie ein neues Wort bildeten) und sich zu melden, sobald sie erfolgreich waren. Eine Hälfte hob innerhalb weniger Sekunden die Hände. Aus bat wurde tab. Einfach. Die Anderen sahen sich unsicher um. Das zweite Wort dauerte etwas länger. Doch schon bald schossen dieselben Hände in die Höhe. Die Blicke der Scheiternden wirkten allmählich verzweifelt. Und auch beim dritten Wort zeigte sich das gleiche Bild. Was war los? War ein Teil der Studierenden zu dumm? Nein. 

Das Experiment demonstrierte erlernte Hilflosigkeit. Eine Gruppe erhielt Arbeitsblätter mit den Worten bat, lemon, cinerama. Auf dem zweiten Blatt standen whirl, slapstick, cinerama. Das gemeine war: Weder aus whirl, noch aus slapstick ließen sich Anagramme der englischen Sprache bilden. Die Hälfte der Teilnehmer musste scheitern. Im Nachgang gaben sie an, sich verwirrt, frustriert und dumm gefühlt zu haben. Diese emotionalen Verletzungen führten dazu, dass sie auch bei dem Wort cinerama versagten, das ein Anagramm ermöglichte und für beide Gruppen gleich war. 

Stell dir vor, was geschieht, wenn Menschen solche Momente regelmäßig erleben. 

Emotionale Verletzungen haben große Auswirkungen: Scheitern senkt Leistungsfähigkeit. Zurückweisung schmerzt. Verluste können alles überschatten. Einsamkeit verschlechtert die Gesundheit. Schuldgefühle führen zu Selbstbestrafung.

Emotionale Wunden bereiten psychische Schmerzen. Psychohygiene hilft, sie zu versorgen und die Heilung zu beschleunigen. Wer erfolgreich ist, wird mit weniger Leid, klareren Gedanken und gesteigerter Resilienz belohnt.

Selbstfürsorge ist lernbar

Als ich vor sechs Jahren nach Leipzig zog, wollte ich weg aus meinem alten Leben. Ich war beruflich unzufrieden, fühlte mich in meinem Freundeskreis unwohler, als ich mir wünschte und sehnte mich nach einer anderen Umgebung. Doch es waren nicht nur die äußeren Umstände. Mit mir selbst war ich unglücklich. Wie sehr, begriff ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst als sich immer mehr innerer Druck aufbaute, beschloss ich ihm auf den Grund zu gehen und mein Leben zu ändern. Ich trennte mich von meiner Freundin sowie von meinem Job und begann mich selbst zu erforschen. 

Mein Weg soll dir nicht als Vorbild dienen. Ich bin kein Poster-Boy für Selbstfürsorge. Aber in den letzten Jahren habe ich mich selbst besser kennen- und lieben gelernt, mag mich bedeutend mehr, habe eine neue Innenwelt entdeckt und kann mit auftretenden Problemen konstruktiver umgehen. Mit viel Arbeit sind riesige Fortschritte möglich. 

Selbstfürsorge besteht aus einem Bündel von Kompetenzen:

  • Optimismus unterstützt, Schwieriges anzugehen und Selbstwirksamkeit zu erschaffen. 
  • Emotionsregulation ermöglicht mit Stress gesund umzugehen.
  • Achtsamkeit erlaubt bewusst zu erleben, was in dir und um dich herum geschieht. 
  • Fokus hilft Veränderung zu beschleunigen und Wichtiges in den Vordergrund zu rücken.
  • Erlebnisse in größere Perspektiven einzuordnen, ermöglicht Distanz zu Problemen und Dankbarkeit zu entwickeln. 
  • Erwartungen zu managen erschafft Zufriedenheit.
  • Authentizität spart Energie und ermöglicht von Anderen angenommen zu werden.
  • Selbsterforschung hilft, dich besser kennenzulernen und Selbstbewusstsein aufzubauen.
  • Energiemanagement schützt vor Erschöpfung.
  • Kontaktfähigkeit erlaubt es, wertvolle soziale Verbindungen aufzubauen und zu pflegen.

Solche Kompetenzen bilden die Grundlage für nachhaltige, positive Entwicklungen. Veränderungen entstehen durch regelmäßige Wiederholungen oder einschneidende Erlebnisse. 

Steven Pressfield benötigte 30 Jahre, um sein erstes Buch zu schreiben. Immer wieder sabotiert er seine Fortschritte. Es schien, als würde es niemals gelingen, sein Werk zu beenden. Seine Arbeit im Marketing und eine Reihe verfasster Drehbücher zeigten, dass er schreiben konnte. Daran lag es nicht. 

Steven Pressfield hatte es satt. Er mietete eine Hütte und versprach sich: „Ich schreibe dieses Buch fertig oder ich sterbe„. Nach insgesamt 30 Jahren vollbrachte er es. Endlich. Die Legende von Bagger Vance verkaufte sich 250.000 mal und wurde mit Will Smith, Matt Damon und Charlize Theron verfilmt. 

Für Steven Pressfield war es ein langer Prozess. Doch in dem Moment, als er die Worte The End tippte, änderte sich alles. „Ich hatte nie wieder Probleme, etwas zu beenden.“

Wahrscheinlich kennst auch du Momente, in denen dein Leben eine neue Wendung nahm. Vielleicht war es eine außergewöhnliche Leistung, das Kennenlernen eines Menschen, ein besonderer Moment oder ein Entschluss, den du getroffen hast. 

An solche Situationen schließen sich viele kleine Entscheidungen an, die helfen das Gewünschte real werden zu lassen. Beschließt du fitter zu werden, musst du regelmäßig trainieren. Gehst du eine neue Beziehung ein, musst du dein Gegenüber kennenlernen und Konflikte bewältigen. Steven Pressfield musste, auch nachdem der Knoten geplatzt war, noch immer jedes einzelne Wort von jedem seiner Bücher schreiben. Veränderungen bedeuten Arbeit. Selbstfürsorge bildet keine Ausnahme. 

Mir gelang es, besser für mich zu sorgen, indem ich zwei Fragen klärte:

  1. Was ist mir am wichtigsten?
  2. Wie kann ich das, was ich kann verbessern und dafür einsetzen?

Die erste Frage schützte mich davor, mit Vollgas in die falsche Richtung zu laufen. Die zweite half mir meiner Kompetenzen bewusster zu werden, sie auszubauen und täglich an ihnen zu arbeiten. Dieser Prozess führt mich immer wieder an meine Grenzen – und näher zu mir. Hoffentlich hört er niemals auf.

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Selbstfürsorge funktioniert, wenn wir

  • wissen, was uns wichtig ist, 
  • spüren, was in uns geschieht, um Probleme und Wünsche zu erkennen
  • und unsere Fähigkeiten einsetzen, um Probleme zu lösen und Wünsche zu erreichen.

Das bedeutet nicht, dass Selbstfürsorge zwangsläufig gelingt. Die Welt, in der wir leben, ist komplex – sowohl die äußere, als auch die Welt in uns. Richtest du allerdings mehr Energie und Aufmerksamkeit darauf, gut mit dir umzugehen, erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, dich genauso zu fühlen. 

Wie du täglich deine Zähne säuberst, kannst du deine Psyche aufräumen – sei es, indem du Tagebuch führst, innehältst und in dich hineinhorchst, ein paar Minuten Stille genießt, um wieder aufzutanken oder eine von hundert anderen Möglichkeiten nutzt. Nimm mich gern zum Anlass, dich daran zu erinnern. 

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