Schmerz oder Stille?

Du sitzt alleine in einem Raum. Vor dir ein Knopf, der dir einen Stromschlag verabreicht. Drückst du ihn? 

Starke Reize sind allgegenwärtig: blinkende Werbung, Lärm und eine Aufgabe nach der nächsten (oder am besten gleichzeitig). Auszeiten werden mit Musik, Social Media, Gesprächen oder Podcasts gefüllt. Ganz schön was los, aber wir gewöhnen uns daran. 

Meine erste eigene Wohnung lag über einer Bäckerei, direkt an einer Hauptstraße. Anfangs war es laut. Doch schon bald überwog der Duft frisch gebackener Croissants am Morgen. Ich spürte nicht, wie es mich belastete. Erst als ich umzog, wurde mir der Kontrast bewusst. Ich öffnete mein Fenster und hörte nichts als den Wind. Ungewohnt, beinahe irritierend, aber schon bald genoss ich die Ruhe und bemerkte, wie Anspannung von mir abfiel. 

Auch in unseren Köpfen kann viel los sein – so viel, dass wir uns daran gewöhnen, kaum ruhige Momente zu erleben. Während wir möglichst vielen Anforderungen gerecht werden, erhalten unaufdringliche Themen keinen Raum geben (und teilweise registrieren wir sie nichtmal). Nur wenn es still wird, melden sie sich zu Wort. 

Zurück zum Raum mit dem Knopf: Forscher warben Studierende an und setzten sie für 15 Minuten alleine in ein Zimmer. Kein Smartphone. Niemanden zum Reden. Nichts, das der Ablenkung diente oder Aufmerksamkeit auf sich zog. Nur ein Knopf, der Stromstöße verteilte.

Still zu sein, alleine mit ihren Gedanken war für 67% der Männer und 25% der Frauen so schwierig, dass sie sich freiwillig Schmerzen zufügten. Lieber etwas Unangenehmes tun, als gar nichts. 

Hohe Stimulation hat seinen Platz, wenn wir ausgelassen zu lauter Musik tanzen, gemeinsam feiern oder uns von der Energie anderer Menschen mitreißen lassen. Wird sie allerdings zum Standard, hindert Dauerstimulation uns, tiefen Fokus zu erreichen, abzuschalten oder wirklich produktiv zu sein (und nicht nur beschäftigt).  

Nimm einen tiefen Atemzug. Schließe für einen Moment deine Augen. 

Wirst du bombardiert von Gedanken? Fällt es dir schwer, nichts zu tun? Falls ja, lohnt es sich wahrscheinlich, dir regelmäßig kleine Auszeiten zu nehmen: Momente in denen du einfach nur bist, ohne zu handeln, in denen du Gedanken bemerkst und sie ziehen lässt, in denen du dich umsiehst, ohne Dinge zu benennen oder mit Aufgaben zu verbinden. 

Anfangs ist das schwierig und möglicherweise unangenehm. Gedanken werden sich melden. Vielleicht schreien sie mit dem Drang, etwas erleben zu wollen, um die Wette. Beides bietet die Chance zu bemerken, was du im Alltag überhörst oder bewusst übergehst.

Mit Übung wird das Abschalten einfacher. Dein Kopf wird klarer und präsenter. Du gewinnst mehr Freiheit, bei dir zu sein. Lauf nicht weg vor deinen Gedanken. Nutze sie, um wichtige Themen anzugehen und um dein Leben maximal zu genießen. 

Welchen Gedanken lässt du nicht zu?