2/6 Trau Dich! – Scham hemmt

Alex Honnold zögerte. Seinen Körper fest gegen den Felsen gepresst, setzte er seinen geschwollenen Fuß auf den bleistiftgroßen Tritt. Sein gesamtes Gewicht würde auf ihm ruhen müssen, 140 Meter über dem Boden, ohne jegliche Sicherung. Sollte er sein Leben einem verletzten Körperteil anvertrauen? Nein, dieses Risiko wäre zu groß. 

Nachdem er hinuntergeklettert war, stand er sichtlich geknickt und mit hängendem Kopf vor seinem Trainingspartner. “Ich bin ausgestiegen.”

Wünsche nach Zugehörigkeit und positiven Bewertungen durch Mitmenschen sind tief in uns verankert. Viele Generationen zuvor lebten unsere Vorfahren in überschaubaren Gemeinschaften, in der jeder jeden kannte. Ausgestoßen zu werden und fortan alleine leben zu müssen, war gleichzusetzten mit einem Todesurteil: kein gegenseitiger Schutz vor Feinden, kein Teilen von Nahrung, kein Zugang zu vertrautem Gebiet. Das eigene Leben hing von der Gunst anderer Menschen ab. Missfallen zu erwecken barg große Gefahr.

Die Zeit der Jäger und Sammler ist seit Jahrtausenden Geschichte. Die Prägungen dieser Zeit tragen wir allerdings noch heute in uns und begegnen damit der modernen westlichen Welt – eine Welt, die uns mit Nahrung, einem Dach über dem Kopf und nie gekannter Sicherheit versorgt, ohne dafür auf eine Stammesgruppe angewiesen zu sein. Dieses Spannungsverhältnis beeinflusst Verhalten. 

Stell Dir vor, Du spazierst durch die Stadt. Die Sonne scheint, Deine Laune ist super. Deine Kopfhörer spielen Dein Lieblingslied und Du bekommst Lust laut mitzusingen und ausgelassen zu tanzen. Folgst Du Deiner Lust? 

Vermutlich spricht in Dir sofort eine Stimme dagegen: Das macht man nicht. Andere könnten gestört werden. Was sollen die Leute denken? Aus Dir sprechen Scham und Rücksichtnahme. 

Ein zweites Szenario: Als (vom vielen Herumlaufen oder Tanzen) Deine Beine müde werden und die Füße schmerzen, besuchst Du Dein Stammcafé. Kurz zu liegen wäre jetzt genau das Richtige. Du hebst die Kaffeetasse und entdeckst im Augenwinkel eine freie Fläche. Der Boden ist sauber und Du wärst nicht im Weg. Allerdings schauen die Menschen am Nachbartisch schon jetzt so merkwürdig zu Dir herüber. Legst Du Dich hin? Selbst wenn Rücksicht keine Rolle spielt, hemmen schamhafte Gefühle zu tun, was wir wollen. 

Schamgrenzen sind unterschiedlich ausgeprägt. Für manche Menschen sind sie beim Singen in der Stadt oder dem Liegen im Café überschritten. Andere trauen sich mehr oder versinken bereits im Boden, wenn die Frisur schlecht sitzt oder die Schuhe nicht zur Hose passen. Wer sich schämt oder befürchtet sich zu schämen, verändert sein Verhalten. 

Im Internet verstärkt sich diese Tendenz. Äußerungen in sozialen Netzwerken können nicht nur von engen Vertrauten gesehen und bewertet werden, sondern von Tausenden in der ganzen Welt. Während der Verstand begreift, dass Meinungen fremder Menschen, denen wir vielleicht nie begegnen, keinen großen Einfluss besitzen sollten, fürchtet der alte Teil unserer Gehirne, verstoßen zu werden. Viel zu stark sind Prägungen der Vergangenheit und Bedürfnisse der Zugehörigkeit. Also lächeln wir fröhlich, während wir in die Kamera blicken, selbst wenn uns anders zumute ist. Wir verwenden Filter, um so gut wie möglich auszusehen und posten das Bild mit einem inspirierenden Spruch, nach dem wir selbst nicht handeln. Und das alles nur, damit fremde Menschen uns positiv bewerten. 

Wir leben in einem Spannungsfeld zwischen den Prägungen unserer Vorfahren und den Realitäten der heutigen Welt. Angepasstes, unauthentisches Verhalten, um positives Feedback und Zuneigung zu gewinnen, ist ein Symptom davon. Die Hemmung Wünschen nachzugehen, aus Angst verurteilt zu werden, kann ein weiteres sein. Dennoch zu verfolgen was Du willst, braucht Mut. 

Wagen wir emotional Bedrohliches, machen wir uns verletzlich. Je bedeutender und je öffentlicher das Wagnis ist, desto größer erscheint die Gefahr. Einen Fremden nach der Uhrzeit zu fragen, ist keine große Hürde. Den Menschen, für den Du seit Jahren heimlich schwärmst, um ein Date zu bitten, braucht mehr Überwindung. Steht Dein Schwarm dabei umringt von Freunden, steigt die Hürde zusätzlich. Die Zuschauer könnten Dich auslachen und kränken. Du könntest Dir dumm vorkommen und Dich selbst verurteilen. Die Welt der sozialen Gemeinschaft und Deine Innenwelt wären bedroht. Das macht verletzlich und lässt Wünsche von Angst begleiten.

In diesem Beispiel ist es das Ansprechen eines attraktiven Menschen und die Gefahr der Ablehnung. In Deiner persönlichen Situation wird es andere Handlungen geben, die Mut erfordern. 

Brené Brown erforscht seit über zwei Jahrzehnten Mut, Verletzlichkeit, Scham und Empathie. Die Professorin hält das Zeigen von Verletzlichkeit für den besten Weg, Mut zu messen.  Im Gegensatz zu Alex Honnold, drohen die meisten Menschen nicht von Klippen zu stürzen. Vielmehr erleben sie soziale und emotionale Gefahren: Sorgen zu scheitern, verurteilt zu werden sowie Schwächen und Fehler zugeben zu müssen. Trauen wir uns Neues anzugehen, sind solche Gefahren beinahe immer präsent. Oder, um es mit Brené Browns Worten aus ihrem Buch Dare to lead auszudrücken:

“Das Einzige, das ich nach all meiner Forschung sicher weiß ist, dass wenn Du Großes wagst, Dir früher oder später in den Arsch getreten wird.” (Übersetzung des Autors)

Das Risiko, diese Tritte zu kassieren, kann lähmen. Aber es gibt Wege, trotz drohender Kritik Deine Wünsche zu verfolgen. 

Theodore Roosevelt war niemand, der vor Risiken zurückschreckte. Nachdem er im Spanisch-Amerikanischen Krieg ein Regiment Freiwilliger angeführt hatte, stand er zuerst als Gouverneur von New York und später als jüngster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in der Öffentlichkeit. Er traf Entscheidungen gegen einflussreiche Monopolisten, empfing als erster Präsident einen Afroamerikaner im Weißen Haus und mischte sich in Kriegsverhandlungen ein. Kritik erntete er häufig. Seine Perspektive auf Kritiker vermittelte er nach seiner Amtszeit in einer berühmten Rede:

Es ist nicht der Kritiker, der zählt; nicht der Mann, der darauf hinweist, wie der Starke stolpert oder wo der Macher von Taten sie besser hätte machen können. Es zählt der Mann, der in der Arena steht, dessen Gesicht von Staub und Schweiß und Blut gezeichnet ist; der sich tapfer bemüht; der sich irrt, der immer wieder zu kurz kommt, weil es keine Anstrengung ohne Fehler und Unzulänglichkeit gibt; aber der sich tatsächlich bemüht, die Taten zu tun; der die große Begeisterung, die große Hingabe kennt; der sich für eine würdige Sache verausgabt; der im besten Fall am Ende den Triumph der hohen Leistung kennt, und der im schlimmsten Fall, wenn er scheitert, wenigstens scheitert, indem er Großes wagt, so dass sein Platz niemals bei jenen kalten und furchtsamen Seelen sein wird, die weder Sieg noch Niederlage kennen.

– aus Theodore Roosevelt: Citizenship in a Republic.

Wer Schwieriges wagt, wird Fehler begehen. Doch wer sein Bestes gibt, kann stolz zurückblicken. Diejenigen, die sich dagegen den eigenen Herausforderungen verweigern, brauchen nicht mit Kritik um sich zu werfen. 

Natürlich gibt es Menschen, die sich anders verhalten. Spätestens seit Brené Browns erster TED-Rede, die mehr als 10 Millionen Aufrufe erhielt, konnte sich die Forscherin der öffentlichen Meinung kaum entziehen. Selbst wenn sie überwiegend positives Feedback erhielt, brachte ihre Position ihr Kritik und Schmähungen ein. Um damit umzugehen, trägt sie, inspiriert von Roosevelts Rede, einen Zettel in ihrer Brieftasche mit den Namen der Menschen, deren Meinung für sie zählt. Wer auf ihrer Liste stehen möchte, muss sie für ihre Stärken sowie für ihre Schwächen lieben. Daraus entsteht ein Filter: Steht der Kritiker selbst in der Arena? Falls nein, liest sie gar nicht erst weiter. Findet sie ihn auf ihrer Liste? Wenn nicht, lässt sie die Kritik weniger an sich heran – schließlich stammt sie von einem Menschen, der zu wenig Informationen besitzt, sie zu beurteilen, da er sie nicht gut genug kennt oder schätzt. 

Fürchtest Du Dich vor Kritik und Abwertung, kannst Du eine solche Liste erstellen. Und auch die Arena, die für Dich zählt, bestimmst Du selbst. Beides verhindert weder Angst noch Scham. Das wäre auch nicht wünschenswert, schließlich sind es Zeichen dafür, dass Du zu Empathie fähig bist und soziale Verbindungen schätzt. Laut Brené Brown empfinden nur Soziopathen keinerlei Schamgefühl. 

Zu bestimmen, wessen Meinung für Dich zählt, hilft allerdings, Hemmungen durch Erwartung von Kritik zu senken. Menschen in der Arena wissen, wie schwierig es ist, dort zu bestehen. Menschen, die Dich lieben, werden das trotz oder gerade wegen Deiner Wagnisse weiterhin tun. Das kann vor Dir stehenden Klippen einen Teil ihres Schreckens nehmen – trotz aller Risiken. 

Alex Honnold war enttäuscht von sich selbst. Er hatte versagt. Er hatte Großes angekündigt und aufgegeben, vor den Augen und Kameras seiner Freunde, für alle Ewigkeit festgehalten. Die meisten seiner Gefährten rieten ihm davon ab, es nochmals zu versuchen. Niemand wollte ihn drängen. Viel zu groß wäre das Risiko. Alex Honnold dagegen war entschlossen, die Arena nochmals zu betreten und seinen Traum zu verwirklichen.