Ich umarmte meine Frau… und spürte nichts.

Derzeit interviewe ich Menschen, die emotional schwierige Situationen überwunden haben. Folgender Text erzählt die Geschichte von Thorsten Hugel – über Burnout, Depressionen und eine Übung, die ihn bis heute begleitet…

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Ich umarmte meine Frau… und spürte nichts.

Mein Leben war ein Scherbenhaufen, doch ich wollte es nicht wahrhaben.

Ein Mann muss stark sein! 

Ich spielte diesen Starken, verschloss meine Augen und biss die Zähne aufeinander… bis ich zusammenbrach.

Nach zwei Wochen Psychiatrie wagte ich erstmals hinzusehen. Als ich meine Augen öffnete, lag vor mir mein Leben in Scherben. Mein Weltbild war zusammengebrochen. ICH war zusammengebrochen. 

Kennst du diese Schockmomente in Filmen? Die Musik wird verdächtig ruhig. Ein Mensch biegt um die Ecke und… 

BÄM. 

Der Zug traf mich Mitten ins Gesicht! 

So fühlte es sich an, als ich realisierte, dass ich mir die ganze Zeit etwas vorgespielt hatte. Gleichzeitig erwachte mein innerer Krieger. Er würde stark sein müssen. 

Als meine Frau und mein Sohn mich besuchten, kämpfte er. Nicht im Außen, gegen meine Familie, sondern in mir: altes Weltbild gegen Realität, Rollen spielen gegen Ehrlichkeit. 

Mein Körper schien zu nichts anderem in der Lage, reduziert auf etwas, das ÜBERlebte, aber kaum ERlebte. Ich wusste, dass ich sie liebte, aber fühlte es nicht. Ein grausamer Moment. 

In den Wochen und Monaten darauf, lernte ich wieder zu spüren: Wo sind meine Grenzen? Wo fließt mein Atem hin? Was macht mein Körper? 

Musik und Gesang boten Zugang zu Emotionen. Meditation half, meine Gedanken zu sortieren. 

Dabei entstand meine wöchentliche Übung: Ich stelle mir einen Fluß vor. Auf ihm treiben Holzstücke und Blätter – meine Gedanken. Bewertungslos beobachte ich, wie die Strömung sie davontreibt. Schwimmen Gedanken immer wieder vorbei, spüre ich hinein: Was machen sie mit mir? Will ich zugehörige Situationen akzeptieren, verlassen oder ändern? 

Dann öffne ich meine Augen und bin präsent. Ich fühle und dafür bin ich dankbar.

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Danke, Thorsten, für Deine Geschichte und Deine Offenheit!