Ein Plädoyer für Bequemlichkeit

„Hebt eure Hände so hoch ihr könnt.“ Seth Godin blickte ins Publikum, während Arme nach oben schossen. „Jetzt noch ein Stück höher.“ Hände stiegen weiter.

Menschen sind bequem. Wahrscheinlich kennst du Momente, in denen sich diese Bequemlichkeit (nennen wir sie Bill) zu Wort meldet:

Du: „Ich müsste putzen.“

Bill:: „Setz dich erstmal. Du hattest einen langen Tag.“

Du: „Soll ich durch den Regen zum Bäcker laufen?“ 

Bill: „Also dein Auto ist trocken und hat eine Sitzheizung…“

Du „Ich muss jetzt wirklich…“

Bill: „Ach, später ist auch noch Zeit.“

Bequemlichkeit hilft Energie zu sparen, dich zu erholen und abzuschalten. Am besten gelingt das, wenn Tätigkeiten maximal bequem sind.

Online-Shopping anstatt deinen Körper von A nach B zu schleppen? Sehr gut. Passwort wählen? 123456 ist leicht zu merken. Hervorragend. Essen, während du regungslos auf der Couch liegst? Jackpot! Bill ist stolz auf dich. 

Tückisch wird es, wenn Bequemlichkeit dein Leben bestimmt. Bewegst du dich wenig, lässt irgendwann die Kraft nach. Verbringst du Wochen im Bett, verlernst du selbst das Gehen.

Wir streben nach Bequemem und brauchen Belastungen.

Jerzy Gregorek begann im Alter von 13 Jahren Gewichte zu heben. Er befand sich auf dem besten Weg, große Titel zu gewinnen. Dann verletzte er sich, so sehr, dass seine Beine mehrere Monate gelähmt waren. Seine Karriere schien vorbei. Doch Jerzy gab nicht auf. Die Reha war anstrengend und schmerzhaft, doch ihm gelangen erste Schritte. Später kamen Gewichte hinzu – erst kleine, dann größere. Je mehr er investierte, desto stärker wurde er. Knapp 10 Jahre später nannte Jerzy Gregorek zwei Weltmeistertitel sein eigen. Hätte er den bequemen Weg gewählt, wären diese Erfolge kaum möglich gewesen. 

Naseem Taleb bezeichnet dieses Phänomen als Antifragilität. Antifragil ist, wenn Stress stärker macht: Porzellan zerbricht, wenn es auf den Boden fällt. Goldbarren bleiben unverändert. Diamanten entstehen erst unter Druck. 

Auch Menschen wachsen an Belastungen: 

  • Gelegentliche kalte Duschen sind unangenehm. Täglich werden sie zur Gewohnheit (und irgendwann läufst du gedankenlos mit Flip-Flops durch den Schnee, während Kinder ihre Finger auf dich richten: „Mama, was macht der Mann da?“).
  • Ein Jobwechsel ist hart – so viel Neues und Unbekanntes. Doch bald entwickeln sich Routinen. 
  • Selbst nach schweren Verletzungen stärken systematische Belastungen die Leistungsfähigkeit. Wer es nicht übertreibt, kann Beeindruckendes leisten.

Allerdings ist Anstrengung anstrengend. Von dem Moment an dem du aufwachst, bis du abends ins Bett fällst, sind deine Zeit und Energien begrenzt. Um zu wachsen, lohnt sich daher der Fokus auf Wichtiges.

Wichtiges ist wichtig. Gleichzeitig findet Wachstum in Erholungsphasen statt. Krafttraining setzt Anreize, die in Trainingspausen Muskelwachstum einleiten und im Schlaf werden neuronale Verbindungen gestärkt, die Lernerfahrungen verfestigen. 

Wir brauchen beides: Belastung und Bequemlichkeit. Um unsere begrenzten Ressourcen sinnvoll einzusetzen, lohnt sich daher die Frage: Wofür will ich diesen Moment nutzen? 

Stehen Entspannung und Genuss im Vordergrund, fokussiere dich auf Bequemes. Willst du Wachstumsimpulse setzen, wage dich in unbequemes Terrain. Die Balance zwischen bequem und unbequem hilft zu wachsen und zu genießen. 

Ein Schlüssel dafür ist Bewusstsein:

  • Was geht in mir vor?
  • Wieviel Energie habe ich zur Verfügung?
  • Was zerrt an ihr?
  • Was ist jetzt am wichtigsten?

Präsenz hilft gute Entscheidungen zu treffen. Manchmal sind sie einfach und komfortabel, in anderen Momenten schwierig und anstrengend.

Einfache Entscheidungen sind leicht. Bequemlichkeits-Bill ist stark und zieht dich leicht in seine Richtung. Hindert er dich an wichtigen, unangenehmen Entscheidungen, stelle ihm die Weisheit eines russischen Gewichthebers entgegen: Hard choices, easy life. Easy choices, hard life.

Schwierige Entscheidungen können das Leben vereinfachen. Immer wieder den einfachen Weg zu gehen, kann es unnötig verkomplizieren. Und was ist bequemer, als ein einfaches Leben?