6/6 Trau Dich! – Sind Deine Wünsche wichtig genug?

Einen 900 Meter hohen Felsen aus glattem Granit zu besteigen, barg Ungewissheiten, besonders wenn Alex Honnold nichts als seine Hände und Füße halten würden. Er könnte sich den Finger aufschürfen und an blutverschmierten Griffen abrutschen. Er könnte von losen Steinen oder Gegenständen anderer Kletterer getroffen werden. Ihm könnte bei einem von tausenden Zügen ein Fehler unterlaufen. Was es auch wäre, er würde sterben. 

Gefahren, die wir im Alltag eingehen, haben üblicherweise keine lebensbedrohlichen Konsequenzen. Stattdessen verpassen wir Chancen, verlieren Geld, verärgern andere Menschen oder uns selbst. 

Stehst Du am Fuß eines nebelumwobenen Felsens, mag das Hindernis auf den ersten Blick zu hoch und der Aufstieg zu riskant erscheinen. Doch bevor Du Dich umdrehst, lohnt es sich, ein zweites Mal hinzuschauen: In welcher der vier Welten lauern Gefahren? Gefährdest Du Deine Gesundheit? Drohst Du im Gefängnis zu landen? Läufst Du Gefahr, Freunde, Familie oder Partner zu verlieren? Steht Dein positives Selbstbild auf dem Spiel? 

Diese erste Einordnung hilft, den Nebel zu lüften. Fear Setting und gedankliche Blicke in die Zukunft, lassen Dich ein paar Schritte zurücktreten und drücken Dir ein Fernglas in die Hand. Damit kannst Du das Ausmaß der Herausforderung erkennen, sowie Wege, auf denen es sich bewältigen lässt. Wird deutlich, welche Ängste und Konflikte Dich zurückhalten, kannst Du Gegenmaßnahmen und Notfallpläne entwickeln – sei es für die Gefahr von anderen abgewertet zu werden, Optionen zu verlieren oder in angsterzeugenden Kreisläufen zu versinken. 

Diese Informationen erlauben informierte Entscheidungen zu treffen: Ist Dein Wunsch wichtig genug, um Ungewissheit und absehbare Risiken einzugehen? Wirst Du die Arena betreten? Und wenn ja, auf welchem Weg?

Alex Honnold war sich der Risiken seines Vorhabens bewusst. Mit ruhigen Gesichtszügen stand er vor El Capitan. Er war körperlich fit, kannte die Route und hatte sämtliche Szenarien in Gedanken durchgespielt. Sein Entschluss stand fest. Jetzt würde er seinen Wunsch verwirklichen. 

Schnell hatte er die Stelle, an der sein letzter Versuch gescheitert war, überwunden. Sein Knöchel war gesund und nichts schien ihn aufzuhalten. Früher als geplant, gelangte Alex Honnold zum schwierigsten Abschnitt der gesamten Route. Er streckte seine Hand nach einer Erhebung im Fels, die gerade einmal Platz für einen halben Daumen bot und presste von unten gegen ihn. Auf diesem Griff wechselte er die Hand, um seinen Fuß auf einen abschüssigen Vorsprung zu setzen und eine vertikale Kante zu greifen. Dann folgte die Bewegung, vor der er den größten Respekt hatte. Aus dieser instabilen Position musste er sein linkes Bein vollständig ausgestreckt auf Bauchnabelhöhe bringen, um es, wie bei einem Karatetritt, seitlich an den Fels zu bringen. Ein kurzer Atemzug. Dann tat er es. In diesem Moment zahlte sich alles aus: das Training, das er als kleiner Junge begann, die jahrelange Vorbereitung, über 50 Besteigungen, unzählige Stunden am Felsen, die Arbeit an mentaler Klarheit sowie die Visualisierung seines Traumes und all der Dinge, die ihn davon hätten abhalten können. 

Den Rest der Route bewältigte er ohne Probleme und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. 

Die Erstbesteigung von El Capitan begann 1957 und dauerte insgesamt 47 Stunden über 16 Monate verteilt. Heute benötigen die meisten Kletterer 3 bis 5 Tage. Alex Honnold erklomm die Wand in 3 Stunden und 56 Minuten. Diese Leistung wurde in der oskarprämierten Dokumentation Free Solo festgehalten, auf dem Teile der Erzählungen dieses Buches basieren (einer der beeindruckendsten Filme, den ich je gesehen habe). 

El Capitan ohne Sicherung hinaufzuklettern, war das bisher größte Projekt eines außergewöhnlichen Sportlers. Doch es geht nicht immer um Großes oder Außergewöhnliches. Kleinere Wagnisse können sich genauso bedrohlich anfühlen – so sehr, dass wir sie nicht verfolgen, selbst wenn wir es uns wünschen. Sind Risiken zu groß, ist es klug, Vorhaben zu verwerfen. Risiken, die allerdings nur zu groß erscheinen, führen zu unnötigen Hemmungen. Ich hoffe, dieses Buch leistet einen kleinen Beitrag dazu, beides voneinander zu unterscheiden und mit klarer Perspektive Mut zu fassen, zu tun, was immer Du Dir wünscht.  

Alex Honnold sagte in einem Interview, der Tag an dem er El Capitan bestieg, sei der glücklichste seines Lebens gewesen. Ich wünsche Dir viele Tage, auf die Du ähnlich stolz und glücklich zurückblickst.