4/6 Trau Dich! – Zeitreisen zu schlechten Kompromissen

Alex Honnold begann im Alter von zehn Jahren zu klettern. Zu schüchtern, um mit anderen zu sprechen, fand er sich immer wieder alleine an der Wand. Über die Jahre verwandelte sich Not in Stärke. Die vielen Stunden ohne Sicherung schenkten ihm Vertrauen, sowohl in seine körperlichen Fähigkeiten, als auch darin, seine Emotionen regulieren zu können. Diese Kombination ließ ihn zum Besten der Welt in seiner Disziplin heranreifen. Alex Honnold glänzte auf einer Reihe spektakulärer Routen. Doch die Besteigung von El Capitan sollte alles bisherige toppen. War er gut genug vorbereitet?

Wagen wir Neues, können wir nie sicher sein, dass es gelingt. Eine Möglichkeit Erfolgschancen abzuschätzen, sind gedankliche Zeitreisen. Wir schauen in die Vergangenheit, auf erworbene Kompetenzen, vergleichbare Herausforderungen und bewältigte Probleme. Daraus gewonnene Eindrücke projizieren wir in die Zukunft. Wir sehen, wie wir Fähigkeiten und Erfahrungen einsetzen und entwickeln daraus ein Bild, wie Künftiges ablaufen könnte. 

Grundsätzlich ergibt dieses Vorgehen Sinn. Blicken wir zurück und sehen einen bequemen, unsportlichen Menschen, der Anstrengung verabscheut, gibt es gute Gründe anzunehmen, für einen Marathon schlecht gewappnet zu sein. Zeigt der Rückblick dagegen eine Reihe erfolgreicher Läufe und einen Menschen, der bereit ist sich selbst zu quälen, wirken die Chancen deutlich besser. Allerdings ist diese Art zu denken fehleranfällig. Schließlich kann die Zukunft sich stark von der Vergangenheit unterscheiden.

Bethany Hamilton war auf dem besten Weg, eine professionelle Surferin zu werden. Bereits im Kindesalter setzte sie sich in namhaften Turnieren durch. Mit zehn Jahren gewann sie ihren ersten Sponsor. Ihre Zukunft schien vorgezeichnet: Nächste Station Welttour. Dann geschah der Moment, der alles veränderte. Während sie auf ihrem Surfbrett trieb, schoss ein Tigerhai hervor und trennte ihren linken Arm ab…

Rich Roll arbeitete als Medienrechtsanwalt. Nachdem er seine Zwanziger mit Alkohol und Drogen verbracht hatte, war es ihm gelungen, seine Abhängigkeit zu überwinden. Doch wenn er abends auf der Couch saß, erschöpft von langen Tagen in der Kanzlei, von ungesunder Ernährung und Übergewicht, fühlte er sich weit entfernt von einem erfüllten Leben. Übertrug er seiner Vergangenheit auf die Zukunft, sah Rich Roll eine Couch-Potatoe, die irgendwann an einem Herzinfarkt sterben würde, berichtete er später in einem Interview. Kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag keuchte er atemlos und gekrümmt vor Schmerzen, nachdem er Treppen gestiegen war. So ging es nicht weiter. Er beschloss sein Leben grundlegend zu ändern. 

Zwei Jahre darauf errang Rich Roll einen Platz in den Top 10 des Ultraman, einem dreitägigen Triathlon-Wettbewerb, der den bekannteren Ironman deutlich übersteigt: 10 Kilometer Schwimmen, gefolgt von 421 Kilometer Radfahren, gekrönt von 84 Kilometer Laufen – einem doppelten Marathon. 

Heute gilt Rich Roll als beeindruckender Ausdauerathlet sowie Verfechter von Wellness und veganer Ernährung. Sein Leben hat sich grundlegend verändert. 

Bethany Hamilton tat alles dafür, dass der Haiangriff ihr Leben nicht veränderte. Einen Arm zu verlieren, bedeutet in einer Sportart, die außergewöhnliche Balance erfordert, ein großes Handicap. Doch sie kämpfte für ihren Traum, selbst nachdem sich alles anders entwickelt hatte, als geplant. Vier Wochen nachdem ihr Arm einem Hai zum Opfer gefallen war, begann sie erneut zu trainieren. Zwei Jahre danach gewann sie ihren ersten nationalen Titel. Acht Jahre später startete sie als professionelle Surferin auf der Welttour.

Unsere Vergangenheit bietet Anhaltspunkte für unsere Zukunft. Neue Entscheidungen und ungeplante Veränderungen sagt sie allerdings nicht voraus. Daher lohnt es sich nicht, gedanklichen Zeitreisen zu großes Gewicht zu geben, wenn wir abwägen, Neues anzugehen. 

Irgendwann ist immer das erste Mal – sei es mit einem Arm das Surfbrett zu besteigen, an einem der anspruchsvollsten Ausdauerwettbewerbe teilzunehmen oder zu wagen, zu tun, was Du willst und erste Schritte in diese Richtung zu gehen. Treffen dabei Wünsche auf Ängste, entstehen Konflikte. Einerseits möchtest Du Deine Ziele verfolgen. Andererseits fürchtest Du mögliche Konsequenzen. Die Folge ist emotionales Tauziehen. Die stärkere Seite gewinnt.

Stell Dir vor, Du sitzt hungrig und müde auf der Couch. Ist Dein Hunger groß genug, stehst Du auf und gehst in die Küche. Überwiegt Bequemlichkeit, bleibst Du, wo Du bist. Dieser Konflikt klärt sich nach kurzer Zeit. Entweder schläfst Du irgendwann ein oder Du musst vorher auf die Toilette und von dort aus, ist der Weg zum Kühlschrank nicht mehr weit. Ein wichtiger Faktor bei dieser Entscheidung, ist Gewissheit. Du weißt, dass Du bis zum Morgen nicht verhungerst und im Zweifelsfall etwas Essbares auftreiben kannst. 

Andere Konflikte können jahrelang bestehen. Einerseits ziehen Dich starke Wünsche in ihre Richtung. Auf der anderen Seite stehen Angst, Zweifel und Ungewissheit. Aus dieser Kombination können schlechte Kompromisse entstehen. Du könntest beispielsweise versuchen, Deine Ziele halbherzig anzugehen. Wer etwas nicht richtig versucht, der scheitert auch nicht richtig. Wenn Du versagst, kannst Du Dich darauf berufen, dass es mit größerem Einsatz besser gelaufen wäre. Sollte es gelingen, gewinnst Du einen Anlass, Dir besonders auf die Schulter zu klopfen. Wie kompetent musst Du sein, um mit so wenig Aufwand so gute Ergebnisse zu erzielen?

Eine andere Möglichkeit wäre Dir einzureden, Deine Wünsche gar nicht erreichen zu wollen. Wer den Blick abwendet, sieht nicht, was er verpasst. Das Risiko zu scheitern sinkt auf null. 

Beides schützt Dein Ego. Gleichzeitig verringert sich die Wahrscheinlichkeit, Gewünschtes zu erleben, während der Eindruck steigt, wenig in Deinem Leben zu bewegen. Keine gute Idee. 

Energie darin zu investieren, den Konflikt zu klären, wäre klüger. Was ist tatsächlich gefährdet? Welche Handlungen bist Du bereit anzugehen, trotz aller Ungewissheiten? Wobei bist Du bereit zu scheitern?

Vielleicht traust Du Dich eine Menge und beschließt entsprechende Schritte zu gehen. Vielleicht erscheint Dir alles zu gefährlich und Du wartest, bis sich Umstände ändern. Beides ist besser, als in schlechten Kompromissen zu verharren und Dich selbst zu belügen. 

Gedankliche Zeitreisen sind fehleranfällig. Schlechte Kompromisse haben unangenehme Nebenwirkungen. Garantien gibt es nicht. Manches mag außerhalb Deiner Möglichkeiten liegen. Anderes ist erreichbarer, als Du Dir vorstellst. In welche Kategorie Deine Ziele gehören, findest Du nur heraus, wenn Du sie mit voller Energie verfolgst. Kurzzeitig ist das der ungewisse Weg. Langfristig entgehst Du der Gewissheit, voller Reue und Selbstvorwürfe auf Dein Leben zurückzublicken. 

Alex Honnold war klar, was er wollte und was er bereit war dafür zu opfern. Sollte er scheitern, würde er für seinen Traum mit dem Leben bezahlen.