3/6 Trau Dich! – Ängste weisen den Weg

Die Besteigung von El Capitan war die logische Fortsetzung Alex Honnolds Karriere. Bevor er sich an die 900 Meter hohe Granitwand wagte, bestieg er Half Dome, eine gut 600 Meter hohe Steinformation. Zwei Tage vor seinem Aufstieg hatte er die Route, von seinem Kletterpartner gesichert, erkundet. Einen Erholungstag später war Alex überzeugt, sie auch ohne Sicherung erklimmen zu können. Während der Besteigung geriet sein Selbstvertrauen allerdings ins Wanken. Zuerst wählte er einen Umweg, um einen anspruchsvollen Abschnitt zu umgehen. Dann stoppte er. Zwei Tage zuvor hatte Alex dem folgenden Tritt bedenkenlos vertraut. Jetzt erschien er ihm viel zu klein und zu rutschig. Er testete einen Halt an der Seite. Keine Verbesserung. Dann versuchte er es mit dem anderen Fuß. Noch schlechter. Panik ergriff ihn. Seine Gedanken rasten. Er zog sich zurück auf einen Felsvorsprung, atmete schwer. Technisch betrachtet war der nächste Schritt einfach. Er musste lediglich sein Gewicht auf den Tritt verlagern und sich aufrichten, eine tausendfach trainierte Bewegung. Doch in diesem Moment war er dazu nicht imstande.

Freiheit und Selbstwirksamkeit sind Grundbedürfnisse. Menschen wünschen sich, ihre Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und dass ihre Handlungen etwas bewirken. Verlieren wir die Möglichkeit dazu, werden unangenehme Gefühle wach. Alex Honnold schien in diesem Moment festzuhängen, ohne gute Optionen. Der gleiche Eindruck kann in uns entstehen, wenn wir

  • uns nicht durchringen, Entscheidungen zu treffen,  
  • so lange zögern, dass zögern zur Gewohnheit wird,
  • wenn starke Wünsche sich vollkommen falsch anfühlen
  • oder wenn Handlungen gefährlich und gleichzeitig alternativlos erscheinen.

Die Angst den nächsten Schritt zu gehen, kann gute Gründe haben. Es gibt große Risiken. Es mag der falsche Zeitpunkt sein. Andere Wünsche können dem Vorhaben im Weg stehen. Manchmal erscheint es allerdings nur so. Risiken und Handlungsmöglichkeiten zu beleuchten, kann scheinbare Gründe aufdecken. 

Tim Ferriss wollte reisen, die Welt entdecken und endlich wieder freie Zeit genießen. In den Jahren zuvor hatte er einen florierenden Onlinehandel aufgebaut. Dieser beanspruchte jede freie Minute seiner Zeit. Daher entschloss er, seine Rolle in der Firma überflüssig zu machen. Über diesen Prozess und die gewonnenen Erkenntnisse schrieb Tim Ferriss ein Buch. Während er Monate damit verbrachte, es in die richtigen Hände zu bringen, erteilten ihm Verlage eine Absage nach der anderen. Über fünfundzwanzig Mal wurde er abgewiesen, bis es ihm gelang einen Verlag zu überzeugen. Danach verbrachte “The 4-Hour-Workweek” sieben Jahre auf der Bestsellerliste der New York Times und wurde mehr als sieben Millionen Mal verkauft. Seine Karriere als Schriftsteller begann. 

Mehrere Bestseller später startete Tim Ferriss, anstelle eines weiteren Buches, einen Podcast über Taktiken und Strategien erfolgreicher Menschen. Seine Zuhörer schätzten die zahlreichen Wege, höher, schneller, weiter zu gelangen. Doch Tim wechselte erneut die Richtung und spricht inzwischen zunehmend über Themen wie psychische Probleme, sexuellen Missbrauch, den Umgang mit seinen Depressionen und von vergangenen Plänen, sich das Leben zu nehmen. 

Immer wieder traute sich Tim Ferriss funktionierende Wege zu verlassen, um in Richtung seiner Wünsche zu gehen: Von der Neustrukturierung seiner Firma, über den Einstieg ins Autorenleben, bis zum Start seines Podcasts und der Einführung neuer Themen. Wie er damit verbundene Risiken abwog, beschrieb er auf seinem Blog sowie in einer TED-Rede. Den Prozess nennt er Fear Setting. Hier ist die Kurzform:

  1. Schreibe auf, was Du befürchtest. 
  2. Notiere zu jeder dieser Ängste: Wie kannst Du die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Szenario eintritt verringern? Was genau könntest Du tun?
  3. Überlege: Sollte das Befürchtete dennoch eintreten, wie kannst Du unerwünschte Auswirkungen verringern?

Ich selbst habe diesen Prozess mehrfach durchlaufen. Besonders der erste Schritt war emotional herausfordernd. Gesammelte Ängste auf einem Blick zu sehen, fühlte sich nicht bloß an, als ob sich eine Klippe zwischen mich und meine Wünsche drängte, sondern als ob sie bis zum Himmel reichte, unendlich lang und unüberwindbar. Eine erdrückende Aufgabe. Im weiteren Verlauf der Übung löste sich dieser Eindruck. Ängste waren zahlreich, doch Möglichkeiten ihnen vorzubeugen und Risiken abzuschwächen noch zahlreicher. Wenn Ängste wie Felsen sind, die vor uns aufragen, dann drückt Fear Setting uns ein Fernglas in die Hand. Auf den ersten Blick mag der Stein spiegelglatt erscheinen. Doch bei näherer Betrachtung entblößen sich zahlreiche Griffe und Tritte und vielleicht sogar Abkürzungen. Diese Perspektive hilft Risiken abzuschätzen und stärkt das Gefühl von Kontrolle. 

Handlungsmöglichkeiten zu sehen, hilft gute Entscheidungen zu treffen. Daraus entstehendes Wissen kann Herausforderungen in eine größere Perspektive setzen. Stehst Du am Fuß eines Felsens, siehst Du die ersten Meter detailliert. Darüberliegendes ist blickwinkelbedingt verzerrt. Ein Spaziergang zu einem naheliegenden Ausblick erlaubt realistischere Einblicke. 

Gute Leistungen in der Schule sind wichtig für die Zukunft. Das lernen viele Kinder früh im Leben. Mir ging es genauso. Dieser Glaube bietet Vorteile, wie Motivation zu lernen. Doch wenn beispielsweise Themen nicht verstanden werden und die Prüfung naht, entstehen daraus Probleme. 

Ich saß in meinem Klassenraum. Vor mir lauerte das umgedreht Arbeitsblatt, in mir ein mulmiges Gefühl. Das darf nicht schiefgehen, redete eine innere Stimme auf mich ein. Dann ging es los. Ich drehte das Blatt um und nahm einen Stift zur Hand. Die erste Aufgabe sah schwierig aus. Etwas drehte sich in meiner Magengegend. Mist, die zweite war auch nicht leichter. Je mehr Aufgabenstellungen ich las, desto schwieriger wurden sie und mit jedem Wort drehten sich meine Gedanken schneller. Das darf nicht schiefgehen. Doch genau das geschah. Der Berg an Problemen wuchs in den Himmel und meine Angst zu versagen mit ihm. Wie versteinert saß ich auf meinem Stuhl, ohne eine einzige Aufgabe zu lösen. 

Blicke ich heute auf meine Schulzeit zurück, wird deutlich, wie unbedeutend eine Biologiearbeit in der siebten Klasse für meine weitere Laufbahn war. Wäre ich damals einen Schritt zurückgetreten und hätte meine Situation in eine größere Perspektive eingeordnet, wäre ich bei weitem nicht so nervös gewesen. Kleine Perspektiven vergrößern Gegenwärtiges, als ob Du den Moment durch eine Lupe betrachtest. Dieses Muster wirkt auch außerhalb der Schule: Wenn das Meeting in die Hose geht, wenn der attraktive Kerl Dich abblitzen lässt, wenn Du zweifelst, weil jemand anderes den Vorzug erhält. In solchen Momenten ist es leicht zu vergessen, wie viele Meetings, attraktive Menschen und Chancen Du wahrscheinlich noch erleben wirst. 

Vermutlich erinnerst auch Du Dich an eine Situation, die im Moment des Geschehens wie ein Weltuntergang wirkte, sich später allerdings als unbedeutend oder sogar positiv herausstellte, oder?

Verlieren wir uns in Momentaufnahmen, steigt die Wahrscheinlichkeit, sich in Unwichtiges hineinzusteigern und Wichtiges aus den Augen zu verlieren. Rückblickend ist das vergleichsweise leicht zu erkennen. Das Problem besteht darin, nicht in die Zukunft blicken zu können. Aber wir können so tun, als ob wir das könnten. Wir können Gedanken auf Reisen schicken und mit heutigem Wissen zurückblicken: Führe Dir vor Augen, was Dir Sorgen bereitet. Stell Dir vor, Du würdest Dich von außen sehen und ein Foto Deiner Situation knipsen. Dann male Dir aus, Du würdest in fünf, zehn oder zwanzig Jahren auf diesen Moment zurückschauen – als ob Du ein Fotoalbum durchblättertest. Wie bedeutsam wird Deine jetzige Situation erscheinen? Würdest Du sie überhaupt noch erinnern?

Einen genauen Blick darauf zu werfen, was Du befürchtest, verwandelt diffuse Ängste in konkrete Momente, die Du wünscht zu vermeiden. Das ermöglicht Gegenmaßnahmen, sowohl vorbeugend als auch für den Fall, dass sie wahr würden. Befürchtungen zusätzlich in eine größere Perspektive zu setzen, hilft Abstand zu gewinnen und Überreaktionen in den Griff zu bekommen. 

Alex Honnold reagierte nicht über. Eine falsche Bewegung und er würde fallen, mehrere hundert Meter tief. Doch in diesem Moment bestand keine Gefahr. Er stand sicher auf einem Felsvorsprung und atmete tief, um sich zu beruhigen. Dann folgte ein Moment, in dem er seine Situation einfach akzeptierte, wie er nachher berichtete. Er besaß sämtliche Fähigkeiten, um hinaufzuklettern. Und er wollte hinauf. Beides war ihm vollkommen bewusst. Also würde er es versuchen. Genau das tat er, und es gelang. 

Seine Besteigung von Half Dome löste in der Welt der Kletterer eine Welle der Hochachtung aus. Alex Honnold dagegen malte an diesem Tag einen stirnrunzelnden Smiley in sein Tagebuch. Er hatte Glück gehabt, das wusste er. Auf das nächste Projekt würde er sich besser vorbereiten.